Wissenschaft und Angelfischer engagieren sich gemeinsam für Artenreichtum

Bild: Transportbehälter werden mit Nuthe-Wasser befüllt

Ende des 19. Jahrhunderts verschwand eine der faszinierendsten Fischarten, der Lachs aus den Gewässern unserer Region. Die letzten Fänge einzelner Fische gab es in den 1930er Jahren. Natürlich hatte der lautlose Tod einer ganzen Art Ursachen, die einhergingen mit der Ansiedlung der Industrie im 19. Jahrhundert an unseren Fließgewässern und deren Nutzung, nicht nur zur Produktion, sondern auch zur Entsorgung von Produktionsrückständen. Zunehmende Gewässerverschmutzung, Gewässerausbau und - verbau, Stauhaltung an Wasserkraftwerken und zur Kühlwassergewinnung waren nicht die einzigen Folgen. Der rasante Verlust von Laichhabitaten wurde zusätzlich noch von der Durchtrennung angestammter Wanderwege begleitet. Versuche, durch Besatz den Niedergang zu stoppen, waren daher zum Scheitern verurteilt.

Hierzu bedurfte es eines gesamtgesellschaftlichen Umdenkens, welches dem Schutz und dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, so auch der Fließgewässer einen völlig neuen Stellenwert einräumte. Die Erforschung der Funktionen von Fließgewässern in der modernen Gesellschaft mit ihrer herausragenden Rolle zur Sicherung der Biodiversität, ebnete den Weg zum Einzug dieses Wissens in regierungsamtliches Handeln. So stellt die ökologische Durchgängigkeit neben anderen Qualitätskriterien einen wesentlichen Aspekt bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der EU dar. Die Wiederansiedlung mit dem „Superstar“ unserer heimischen Gewässer, dem Lachs, macht auch deshalb Sinn, weil wir damit zugleich die Akzeptanz für weitere Wasserbaumaßnahmen zu Gunsten weniger spektakulärer, lautloser Botschafter intakter Natur unter Wasser erzeugen.

Bild: Junglachse werden vom LKW aus Dänemark auf Einsatzfahrzeuge verteilt

Nach einer umfangreichen jahrelangen Vorbereitungsphase mit unzähligen Untersuchungen und Analysen der Spezialisten des Instituts für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow e.V. (IfB) gelang es, geeignete Gewässer in Sachsen-Anhalt auszuwählen. 2009 war es dann so weit. Mit der Nuthe war das aussichtsreichste Gewässer für einen Wiederansiedlungsversuch gefunden. Seit nunmehr neun Jahren gibt es immer im Spätherbst diesen einen Tag, an dem die Mitarbeiter des IfB gemeinsam mit Anglern unseres Landesverbandes die ca. 7cm großen Junglachse aussetzen.

Natürlich fallen die Junglachse nicht vom Himmel. In diesem Jahr sind das Kosten von rund 14.000 €, die vom Landesanglerverband über die Fischereiabgabe für dieses Projekt bereitgestellt werden. Das IfB ordert damit hochwertige Jungfische, die in Dänemark für den gemeinsamen Besatz ausgewählt wurden. Und natürlich sind die ortsansässigen Angler unverzichtbar. Transport und Ausbringung der Jungfische in das verzweigte Fließgewässernetz der Nuthe erfordert viele Hände und auch Technik. Damit bündeln wir unsere Kräfte, um einen gemeinsamen Beitrag zur Wiederherstellung des historisch belegten Artenspektrums zu leisten. Die Voruntersuchungen zum diesjährigen Besatz waren vielversprechend. Bei einer Probebefischung am Vortag, so Steffen Zahn vom IfB, wurden gut 300 junge Lachse zwischen sieben und 18 Zentimetern Länge gefangen. Von diesen waren über 80% unmarkiert, will heißen, die natürliche Reproduktion klappt.

Bild: Norbert Schetzke bringt Junglachse vorsichtig im Gewässer aus

Das dieser gemeinsame Beitrag Wert geschätzt wird, zeigt sich auch in personeller und medialer Resonanz. Mit Herrn Arno Heilemann und Herrn Reinhold Sangen-Emden aus dem Umweltministerium waren nicht nur hochrangige Staatsdiener zugegen, sondern sie legten selbst bei der „Aussaat“ eines Stückes Zukunft symbolisch mit Hand an. Das auch MDR, Volksstimme und DPA berichten, freut auch Norbert Schetzke und Gerhard Wurche aus Zerbst. Umsichtig und vorsichtig wählen sie geeignete Stellen im zugewiesenen Flussbett aus, um die wertvolle Fracht auszubringen. Dabei geht es ihnen nicht um den schnellen Erfolg. Den erzielen jetzt schon andere. Aber in absehbarer Zeit auch einmal einen Lachs fangen und genießen zu können, ist Ansporn und Schlüssel für das Grundprinzip von Schutz und Nutz.

Bild: Gedankenaustausch zwischen Ministerium, Angelfischer und Wissenschaftler zum Projekt

Die heute ausgesetzten Jungfische bleiben bis zum Frühling ihres 2.-4. Lebensjahres im Gewässer. Während dessen machen sie physiologische Veränderungen durch, die für die kommende Wanderung vom Süß- zum Salzwasser und die damit verbundenen neuen Umweltbedingungen lebensnotwendig sind. Sie verwandeln sich in sogenannte Blanklachse, auch Smolt genannt. Dann wandern sie in den Atlantik ab, um nach einer Periode des schnellen Wachstums im Ozean nach ein bis vier Jahren zur Laichablage und Befruchtung zurückzukehren.

Bild: Vielfalt der Besatzstellen erhöht Überlebenschance der Junglachse

Und natürlich freuen sich die Angelfischer schon auf jene Zeit, in der die Wiederkehrerrate eine Bestandsnutzung ohne deren Gefährdung erlaubt. Wenn von den ausgesetzten Jungfischen 20% in den Atlantik abwandern und davon 3% zurückkehren, kann man von einem Gesamterfolg des Projektes sprechen. Dann hat sich auf wundersame Weise gewährter Schutz in gesamtgesellschaftlichen Nutzen gewandelt. Gerhard Jarosz