Bild: die markierten Junglachse werden nochmals auf ihre Vitalität begutachtet, ehe sie ausgesetzt werden

20.000 halbjährige Lachse im Elbe-Einzugsgebiet der Nuthe eingesetzt

Wissenschaft und Angelfischer engagieren sich gemeinsam für den Artenreichtum in heimischen Gewässern

Zerbst, den 19.11.2019

Nicht erst seit dem der Lachs zum „Fisch des Jahres 2019“ gekürt wurde, engagieren sich Angler und Wissenschaftler konkret für den Artenreichtum. Seit nunmehr einem Jahrzehnt setzen Mitarbeiter des Instituts für Binnenfischerei (IfB) Potsdam-Sacrow e.V., gemeinsam mit Anglern des Landesverbandes Sachsen-Anhalt e.V., jährlich im Spätherbst die ca. 7cm großen Junglachse in heimischen Gewässern aus. Erbrütet wurden die hochwertige Jungfische in Dänemark und die finanziellen Mittel in Höhe von rund 14.000 € werden über die Fischereiabgabe für dieses Projekt bereitgestellt. Der Transport und die Ausbringung in das weit verzweigte Fließgewässernetz der Nuthe erfordert neben vielen Händen auch entsprechende Technik. Da war es nur logisch die Kräfte vom Institut und des regionalen Anglervereins zu bündeln, um gemeinsamen einen Beitrag zur Wiederherstellung des historisch belegten Artenspektrums zu leisten.

Bild: zügig werden die Junglachse auf geländefähige Fahrzeuge umgeladen, um sie gut verteilt an geeigneten Standorten auszubringen

Öffentlichkeit

Dass die stillen Botschafter intakter Natur in Ihrer Bedeutung für die ökologische Gesamtbilanz noch immer unterschätzt werden, hat viele Ursachen. Eine liegt wohl in einem für den Laien kaum bekannten noch sichtbaren Lebenszyklus begründet. Ein anderer in unserem immer noch zu sorglosen und rücksichtslosen Umgang mit der Natur unter der Wasseroberfläche. Das einsetzende Umdenken und die wachsende Wertschätzung zeigt sich unter anderem in der medialen Resonanz unserer diesjährigen Besatzaktion. Das Funk, Fernsehen und die Presse heute erneut zugegen waren freut die Akteure sehr. Denn öffentliche Wahrnehmung und Anteilnahme sind wichtige Schlüssel für Akzeptanz und Wertschätzung.[weitere Meldungen] [weitere Meldungen]

Aussichten

Die heute ausgesetzten Jungfische bleiben bis zum Frühling ihres 2.-4. Lebensjahres im Gewässer. Während dessen machen sie physiologische Veränderungen durch, die für die kommende Wanderung vom Süß-  zum Salzwasser und die damit verbundenen neuen Umweltbedingungen lebensnotwendig sind. Sie verwandeln sich in sogenannte Blanklachse, auch Smolt genannt. Dann wandern sie in den Atlantik ab, um nach einer Periode des schnellen Wachstums im Ozean nach ein bis vier Jahren zur Laichablage und Befruchtung zurückzukehren.

Und natürlich freuen sich die Angelfischer schon auf jene Zeit, in der die Wiederkehrerrate eine Bestandsnutzung ohne deren Gefährdung erlaubt. Wenn von den ausgesetzten Jungfischen 20% in den Atlantik abwandern und davon 3% zurückkehren, kann man von einem Gesamterfolg des Projektes sprechen. Und natürlich besteht ein Ziel der Angler auch darin, in absehbarer Zeit einmal einen Lachs fangen und genießen zu können. Für Ausdauer und langen Atem ist das zugleich die dem Naturschutzkonzept der Angler innewohnenden Triebfeder, die Nachhaltigkeit durch Schutz mit Nutz verbindet.

  

Bild: Frank Weichler vom Institut für Binnenfischerei setzt umsichtig und vorsichtig die Lachse an geeignete Stellen im Flussbett der Nuthe aus

Historie

Ende des 19. Jahrhunderts verschwand eine der faszinierendsten Fischarten, der Lachs aus den Gewässern unserer Region. Die letzten natürlichen Fänge einzelner Fische in der deutschen Elbe datieren auf 1912. Später gefangene resultieren aus künstlichem Besatz und Erbrütung. In den 1930´er Jahren kam der Lachsfang total zum Erliegen. Natürlich hatte der lautlose Tod Ursachen. Bereits im Mittelalter (16. & 17.Jh.) begann er schleichend mit dem Bau von unüberwindbaren Mühlwehren, Lachsfangeinrichtungen und der Einleitung von Bergbauabwässern. Hinzu kam die Ansiedlung der Industrie im 19. Jahrhundert an unseren Fließgewässern mit deren Nutzung, nicht nur zur Produktion, sondern auch zur Entsorgung von Produktionsrückständen. Zunehmende Gewässerverschmutzung, Gewässerausbau und - verbau, Stauhaltung an Wasserkraftwerken und zur Kühlwassergewinnung waren nicht die einzigen Folgen. Der rasante Verlust von Laichhabitaten wurde zusätzlich noch von der Durchtrennung angestammter Wanderwege begleitet. Versuche, durch Besatz den Niedergang zu stoppen, waren daher zum Scheitern verurteilt.

Bild:  Lizens beim LAV Sachsen-Anhalt, Titel: Salmo salar - Atlantischer Lachs

Die Erforschung der Funktionen von Fließgewässern mit ihrer herausragenden Bedeutung zur Sicherung der Biodiversität, ebnete den Weg zum Einzug dieses Wissens in regierungsamtliches Handeln. So stellt die ökologische Durchgängigkeit neben anderen Qualitätskriterien einen wesentlichen Aspekt bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie der EU dar.  Die Wiederansiedlung mit dem „Superstar“ unserer heimischen Gewässer, dem Lachs, macht auch deshalb Sinn, weil wir damit zugleich die Akzeptanz für weitere Wasserbaumaßnahmen zu Gunsten weniger spektakulärer, lautloser Botschafter intakter Natur unter Wasser erzeugen.

Nach einer umfangreichen jahrelangen Vorbereitungsphase mit unzähligen Untersuchungen und Analysen der Spezialisten des Instituts für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow e.V. (IfB) gelang es, geeignete Gewässer in Sachsen-Anhalt auszuwählen. 2009 war es dann so weit. Mit der Nuthe war das aussichtsreichste Gewässer für einen Wiederansiedlungsversuch gefunden.

Bilder und Text: Gerhard Jarosz