Bild: Gerhard Jarosz

Muschel-Monitoring enthüllt kleine Sensation

20. Mai 2020; Riethnordhausen; Kleine Helme

Angler haben nicht nur ein naturverbundenes Hobby, das neben frischer Luft auch hin und wieder eine kulinarische Abwechslung auf den häuslichen Speiseplan zaubert, sondern haben sich vom Fischartenschützer über die Jahre, dank ökologischer Bildungsarbeit und damit verbundenem Erkenntniszuwachs zu Schützern ganzer Lebensräume mit dem kompletten Arteninventar entwickelt. So wie der Landesverband, begreift sich auch der Kreisanglerverein Sangerhausen heute als Fachpfleger der Gewässer und Fischbestände. Dazu gehören neben den Fischen auch die Fischnährtiere, die Wasserpflanzen und eben auch die Muscheln. Denn nur wenn alle Mosaiksteine vorhanden sind, fügen sich diese zum Gesamtbild des „guten Zustandes“, wie ihn die Wasserrahmenrichtlinie fordert.

In Sangerhausen hat sich eine fruchtbare Zusammenarbeit seit vielen Jahren zwischen dem KAV und dem Muschelexperten Lothar Buttstedt aus Roßla, der zu den wenigen anerkannten Kennern auf diesem Gebiet im Land zählt entwickelt. Muscheln haben nicht nur eine wichtige Filterfunktion in unseren Gewässern, sondern sind untrügliche Indikatoren für die Gewässerqualität. Die zum Stamm der Weichtiere (Mollusken) zählende „Gemeine Fluss- oder Bachmuschel“ gehörte bis vor kurzem noch zu den häufig vorkommenden heimischen Fließgewässermuscheln. Das hat sich dramatisch geändert. In ganz Mitteleuropa sind die Bestände auf kaum mehr ein Zehntel früherer Zeiten zusammengebrochen, in vielen Regionen ist die Flussmuschel bereits ausgestorben. Bundesweit wird sie in der Roten Liste in die Kategorie 1 (als vom Aussterben bedroht) geführt. In Sachsen- Anhalt gibt es sie nur noch in einen kleinen Bestand im Landkreis Stendal und eben hier im Helme System. Aber warum haben die Angler ein so großes Interesse am Schutz der Muscheln?

Weil ihr Vorkommen auf Grund der eingeschränkten Mobilität die hohe Qualität des Lebensraums über einen längeren Zeitraum belegt und ihre störungsempfindliche Fortpflanzungsweise sie zu einem wichtigen Frühwarner auch für die Fische macht. Bereits seit nunmehr 15 Jahren haben der Verein und der Muschelexperte fünf gemeinsame Projekte zur Bestandsstützung der Bachmuschel in der „Kleinen Helme“ durchgeführt. Enge Partner waren dabei immer die Spezialisten des LHW, die als Unterhaltungspflichtiger stets wertvolle Hinweise gaben und vor allem die Vorhaben wohlwollend auf ihre Machbarkeit prüften und genehmigten. Neben der Schaffung von Flachwasserzonen wurden auch rund 100 Tonnen Störsteine eingebaut und begleitende Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtsfischbestände durch die Entnahme von Raubfischen durchgeführt. Die nun erneut durch die Angler aus ihren privaten Portemonnaies finanzierte Untersuchung hat auch zum Ziel, neben einer Bestandsaufnahme, die Wirksamkeit geleisteter Arbeit und Investitionen auf den Prüfstein zu stellen und weitere Richtungsentscheidungen für die Bestandsentwicklung zu treffen. Denn dort wo es den Muscheln gut geht, trifft man in der Regel auch einen gesunden Fischbestand an. So gewinnen Nebengewässer nicht nur als Lebens- und Rückzugsräume an Bedeutung, sondern sind zugleich wichtiger Trittstein zur  Widerbesiedlung des gesamten Gewässerverbundes mit Muscheln und Fischen.

Dass sich unsere Anstrengungen gelohnt haben, konnten Herr Buttstedt und sein Kollege Herr Kleemann an den verschiedenen Untersuchungspunkten der "Kleinen Helme" eindrucksvoll belegen. Ohne dem Untersuchungsbericht vorgreifen zu wollen, waren sich die Fachleute darüber einig, dass die durchgeführten Strukturmaßnahmen maßgeblich dazu beitrugen, die gefährdeten Bestände der Bachmuschel zu stabilisieren. So konnten über vierzig Exemplare im Alter zwischen 2 und 7 Jahren bestimmt werden. Darüber hinaus erfolgte auch der Nachweis  mehrerer Malermuscheln unterschiedlichen Alters. Galt diese Art noch vor Jahren als häufig, so ist sie jetzt als Verantwortungsart in der „nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt Deutschlands“ eingestuft.

Bild: Gerhard Jarosz

Als besonders Bestandsstark erwiesen sich dabei jene Fließgewässerabschnitte für die Bachmuschel, in denen Störsteinen für Strukturvielfalt und abwechslungsreiche Bodensubstrate durch Strömungsvariabilität sorgten. Und natürlich waren die Fachleute auch erfreut über die Tatsache, dass mehrere Muscheln begutachtet werden konnten, die bereits bei einer vorangegangenen Untersuchung gekennzeichnet wurden.

Bild: Gerhard Jarosz

Nicht zum Schluss förderte die Untersuchung  auch noch eine Sensation zu Tage. Erstmals konnten die Fachleute den Nachweis der „Abgeplatteten Teichmuschel“ mit 6 Exemplaren erbringen (Bild mit gelben Kreis). Nicht nur das ihr Vorkommen damit in der "Kleinen-Helme" in Sachsen-Anhalt einmalig ist, auch ihr Vorkommen in diesem Lebensraum ist nicht unbedingt typisch. Eigentlich, so wissen die Experten zu berichten, sind ihr angestammter Lebensraum die größeren Fließgewässer, wie Unstrut, Saale und Elbe. Dort kommen sie als Einzelexemplare in den Tiefen der Flussläufe vor. Sie wird in der Roten Liste Deutschland in der Kategorie 1 (als vom Aussterben bedroht) geführt.

Das Beispiel aus dem Südwesten unseres Bundeslandes ist zugleich ein Beleg für die Breite der Aktivitäten in unserem Landesverband. Wo ein ökonomisches Interesse an gesunden Fischbeständen und deren dauerhaften Nutzung besteht, entwickelt sich auch Engagement und Initiative mit großer Vielfalt. Unser Naturschutzkonzept, das im Gegensatz zu anderen, die Schutz durch Aussperrung favorisieren, Schutz durch Nutzung umsetzt, ist seit Jahren erfolgreich und generiert noch dazu Nachhaltigkeit.    Gerhard Jarosz; Mitarbeiter Öffentlichkeit / Naturschutz beim LAV

 

Bild: Lothar Buttstädt

Inhalt: obere 4 Reihen 41 Bachmuscheln, davon:

zweijährige Tiere = 11; dreijährige Tiere = 19; vierjährige Tiere = 4, fünfjährige Tiere = 4;sechsjährige Tiere = 1; siebenjährige Tiere = 2

unten links 6 Abgeplattete Teichmuscheln, davon: zweijährige Tiere = 2; dreijährige Tiere = 1, vierjährige Tiere = 3

unten rechts 3 Malermuscheln, davon: fünfjährige Tiere = 1; siebenjährige Tiere = 2